Post von Madeira

Madeirablues in Grau!

Die Farbe Grau begleitet uns seit Tagen.

Schauten wir in Tazacorte, La Palma, mehr oder weniger täglich in einen nur selten getrübten blauen Himmel mit viel Sonnenschein, so überwiegt hier das Grau. Insbesondere, wenn ich gen Norden auf die Berge von Madeira blicke, überkommt mich das Gefühl, in eine Wintersportregion zu schauen. Die hell- und dunkelgrauen Wolken hängen tief, verdecken die Berggipfel und scheinen jede Menge Flüssigkeit gespeichert zu haben. In den vergangenen beiden Nächten hat es dann auch hier über Funchal geregnet. Ich fühle mich bei diesem Anblick an kühle Herbst-und Wintertage in meiner Thüringer Heimat erinnert. Wenn sich der „Kickelhahn“-Berg in kühle Nebel hüllte und kein angenehmes Wetter für das Tal von Ilmenau zu erwarten war. „In Ilmenau, da ist der Himmel blau. Da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau.“ Von wegen! Allerdings passen meine Kindheitserinnerungen so gar nicht zu den hiesigen Außentemperaturen, denn die bewegen sich um die 25 Grad. Reißt der Himmel auf, so klettern sie augenblicklich über die 30-Grad-Marke. Es ist schwülwarm und momentan spüre ich keinen Luftzug. Schaue ich in Richtung Süden, weit aufs offene Meer hinaus, dann entdecke ich es wieder, dieses sommerliche Blau, wenn auch nicht durchgängig. Blau bringt mich zum Lächeln, tief hängendes Grau macht mich eher antriebslos.

Der Wetterbericht verheißt uns ab dem Ende der Woche eine Wolkenauflösung über Madeira. Dann werden wir uns noch einmal ein Motorrad ausleihen und die Insel erkunden. Momentan machen Ausflüge ins Gebirge wenig Sinn.

Nicht nur das Wetter hat uns in unseren Unternehmungen komplett ausgebremst. Vor zwei Wochen überfielen uns dann auch noch die böswilligen „Coviden“. Die Corona-Fallzahlen für Portugal hatten es schon angedeutet. Jeder zweite Portugiese soll momentan von der Epidemie betroffen sein. Dieser Masse an Viren konnten wir wohl letztendlich nicht entkommen. Am unangenehmsten empfand ich die starke Beeinträchtigung meines Geruchs- und Geschmackssinns. Und dann mache ich noch den Fehler, über derartige Extremfälle im Internet zu lesen. Man erfährt, dass es Menschen gibt, die diesen unbefriedigenden Zustand sehr lange bzw. gar nicht mehr überwinden.

Mittlerweile sind wir aber mehr oder weniger symptomfrei und können uns wieder etwas vornehmen.


Das schrieb ich am 4. Juli 2022.

Diesen „Wetterdepritag“ beendeten wir dann auch noch mit der schlechtesten und teuersten Pizza, die wir je gegessen hatten. Eigentlich als Aufmunterung gedacht, endete unser kleiner Ausflug zum „Pizza Hut“ um die Ecke mehr als enttäuschend. Für schlappe 17,00 Euro verspeisten wir einen fad schmeckenden Brotteig, dünn mit etwas Ketchup und Käse belegt. Den angebotenen Schinken gab es nicht. Wir bekamen dafür 8 zerrupfte Stückchen „Irgendetwaswurst“ als Topping.

Unverhoffte Aufheiterung gab es dann allerdings doch noch. Im nahegelegenen Park fand ein kleines Freiluftjazzkonzert statt. Das dazu ausgeschenkte Schwarzbier war lecker und verbesserte unsere Laune ungemein.

Was für Erlebnisse!


Heute ist bereits der 13. Juli 2022 und 9 abwechslungsreiche Tage liegen hinter uns.

Unsere abendlichen Ausflüge in den Park und in die vielfältige Welt des Jazz wiederholten sich noch zwei weitere Male. Dabei konnten wir der portugiesischen Teilnehmerin am Eurovision Song Contest 2008 lauschen, die uns Lieder von Ella Fitzgerald trällerte. Wir waren beeindruckt vom Gesang und der opulenten Erscheinung der Interpretin. Ihre positive Energie übertrug sich gänzlich auf das begeisterte Publikum. Aber nicht jedes Konzert klang wohltuend für unsere, auf Jazz bezogen, ungeübten Ohren. Mit leckerem Schwarzbier vom Fass waren die seltsamen Klänge aber stets leichter verdaulich.


Am 7. Juli scheint uns dann endlich mal wieder die Sonne von einem makellos blauen Himmel. Noch dazu haben wir erneut ein Motorrad unter unseren Popos und können somit ein weiteres Stück Madeira entdecken. Dieses Mal knattern wir auf einer „Brixton“ los, werden aber vom Verleiher noch vorgewarnt:„Das ist keine Japanerin, sondern eine Chinesin. Erwartet nicht zu viel von dieser Maschine!“ Er sollte recht behalten. Das Zweirad hat uns zwar überallhin befördert, aber doch bescheidener als die Yamaha, die wir beim ersten Ausleihen bekamen.

Unsere Tour führt uns entlang der Küstenstraße gen Westen:

Die Bergkirche „Senhora de Fatima“, unser erster Tagesstopp, erinnert uns ganz stark an den einstigen Besuch des Wallfahrtsortes „Fatima“ in Festlandportugal. In jenem „Fatima“ konnte man zwecks himmlischer Heilung ganze Körperteile aus Kerzenwachs in einen Verbrennungsofen werfen. Neben unserer kleinen Inselkirche steht zwar ein ähnliches Gestell, allerdings nur zum geschützten Abbrennen von Kerzen.

Im Küstenort „Calheta“ wollen wir uns insbesondere die Marina anschauen. Vielleicht würden wir ja dort noch eine Woche verbringen? Schließlich wurde der Ort mit dem auf Madeira einzigen Sandstrand beworben (natürlich künstlich angelegt). Unsere Idee erweist sich allerdings schnell als keine gute. Ein Felsabbruch teilt den Ort in Strandbereich und Marinabereich und der Durchgang von dem einen zum anderen ist dadurch komplett gesperrt. So müssen auch wir einen großen Umweg fahren, um uns zunächst den ebenfalls durch den Steinschlag zur Hälfte gesperrten „Sand“strand und danach die Marina anzuschauen. Nein, das gefällt uns alles nicht!

„Paul do Mar“ ist ein Küstendorf mit kleinen Fischerbooten im Hafenbereich und einem alten Ortskern. Am langen steinigen Strand findet man die Skulptur „Man of the Sea“, die einen nackten, gut gebauten Mann, der sehnsuchtsvoll aufs Meer blickt, darstellt. Was er sich auf seinem Podest dabei wohl denken mag?

Das Hintergrundpanorama bietet neben enormen Felswänden auch einen derzeit! kraftlosen Wasserfall, in dessem kleinen Wasserbecken sich allerdings nur Enten und Tauben vergnügen. Es fehlen dem Ort die Massen an Touristen und seine Beschaulichkeit zieht uns deshalb sofort in seinen Bann. Hier wird noch einheitlich portugiesisch gesprochen! Der Tag neigt sich allerdings schon seinem Ende zu und wir müssen den Rückweg antreten.

Als wir kurz vor Funchal spontan die Schnellstraße und ihren eintönigen Tunnel-Brücken-Wechsel noch einmal verlassen, um auf der alten Küstenstrecke weiterzufahren, werden wir mit einem richtig kräftigen Wasserfall belohnt. Er ergießt sich über die Fahrbahn und verursacht einen kleineren Menschenauflauf. Einige stellen sich in Bikini oder Badehose unter die erfrischende Naturdusche. Holger reißt sich sein T-Shirt vom Körper und lässt sich ebenfalls wässern. Ich bin da etwas zurückhaltender.

Dank der vielen schönen Eindrücke glücklich, aber dank des chinesischen Rüttelrollers auch ziemlich kaputt, erreichen wir unsere Aplysia zum Sonnenuntergang.

Am nächsten Tag setzen wir unsere Westreise fort:

Heute schauen wir von herrlichen Aussichtspunkten auf die südwestliche Küstenlinie von Madeira hinab. Dort unten entdecken wir auch „Paul do Mar“, eines unserer gestrigen Ausflugsziele, wieder. Das Wetter ist hervorragend. Von einem wolkenlosen Himmel scheint auch heute eine kräftige Sonne. Die Badesachen sind einsatzbereit im Rucksack. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Sie werden dort auch bleiben. Unvorhergesehene Ereignisse auf unserem Ausflug lassen den Tag viel zu schnell vergehen.


Zunächst einmal veranlasst uns der Hunger zu einem Stopp an einer Snackbar. Ein „Bolo do Caco“ ( = belegtes Süßkartoffelbrot) und ein großer Milchkaffee ( der hier „Chinese“ heißt ) sind jetzt genau das Richtige! Es ist ein gemütliches Plätzchen und wir kommen in eine kleine Plauderei mit dem älteren Betreiberehepaar. Der Mann zeigt mir noch seine Dienstmarke als ehemaliger Polizist und ich bin dadurch beim Zusammenpacken von Geld, Handy und Dampfer kurzzeitig abgelenkt. Wir verabschieden uns und rollen gleich darauf in eine herrliche Natur hinein. Glücklicherweise will ich das in einem Foto festhalten und bemerke deshalb relativ früh den Verlust des Mobiltelefons. Also geht es zurück zur Bar, wo wir schon freundlich erwartet werden. Eigner und Eigentum sind glücklich wiedervereinigt und die Reise kann unbeschwert fortgesetzt werden.

Brixton bewegt uns nun durch eine märchenhafte Natur. Üppig blühen weiße und blaue Liebesblumen (Den Namen habe ich so gegoogelt???) rechts und links der Straße, hin und wieder ergänzt durch Hortensienbüsche. Übergroße Farne bedecken die steil ansteigenden Waldböden. Es gibt geruchsintensive Eukalyptusbäume und mächtige Kiefern. Viele andere Holzgewächse tragen wundervolle Blüten in allen erdenklichen Farben. Wir sind verzaubert. Je schöner die Natur, umso einsamer die Gegend.

Doch plötzlich, mitten im Nichts, stehen Verkaufsstände entlang des Fahrweges. Unmengen an Qualm hüllen sie ein und unsere Neugierde ist geweckt. Also stellen wir Brixton unter einen Eukalyptusbaum und erkunden die Lage. Wir sind auf einen Rindermarkt geraten. An den Ständen hängen komplette Rinderschenkel, die von quirligen Männern in Gulaschstücke zerteilt werden. Der Qualm kommt von Holzfeuern in aufgesägten Ölfässern. Für 12,00 Euro können wir uns auf einen angespitzten Ast ein Rinderschaschlik aufspießen lassen. Es wird in Salz gewendet und dann kann Holger es persönlich über dem offenen Feuer grillen. Wir treffen auf ein Urlauberpaar aus dem Schwabenländle. Sie sagt laut und ganz verzückt zu ihm: „Das ist in Deutschland überhaupt nicht denkbar. Öffentliches Bratwurst-Selber-Grillen ist in Deutschland nicht zu machen!“ Wir denken: “Vielleicht ja doch?“, und eine Geschäftsidee ist geboren. Nachdem wir die reichlich zähen Rindfleischstücken mit einem Fass Bier (Scherz! Ich meine natürlich ein Fassbier! Zwinkersmiley) zu uns genommen haben, machen wir einen ausgiebigen Rundgang über das weitläufige Gelände. An einem Stand entdecken wir bunt eingefärbte Küken. Niedlich, aber wozu? In mehreren Gehegen werden Kühe, Kälber und Ochsen ausgestellt. Wahrscheinlich zum Verkauf?! Man kann aber auch Schweine, Ziegen, Schafe oder Kaninchen erwerben, nicht zu vergessen Hühner und Hähne. Mittendrin eine große Bühne, die uns allerdings noch nichts über ihre mögliche Bestimmung verrät. Nach einiger Zeit des Umherschlenderns soll es über die Hochstraße durchs Gebirge wieder zurück nach Funchal gehen. Da wir die entsprechende Abzweigung mehrfach verfehlen, landen wir noch zwei weitere Male auf dem Tiermarkt, haben dank der in Salz panierten Fleischnahrung vorweg bereits wieder ordentlich Durst und ich lasse mich mit wenig Widerstand zu einem „Poncha“, Rum mit Fruchtsaft, überreden. Im Anschluss jodle ich den „Heidi“-Song durch die Gebirgstäler.

Letztendlich entscheiden wir uns, die bereits bekannte Küstenstraße für die Heimfahrt zu nutzen. Wieder einmal ist der Tag viel zu schnell vergangen. Wir entdecken dann aber doch noch einen Zubringer zur Gebirgsstraße und quälen Brixton auf über 1000m hinauf. Hier waren wir schon einmal und auch dieses Mal sind wir wieder von der Schönheit der Bergwelt Madeiras begeistert. Zwischen frei umherlaufenden Kühen, die der Holger mit Steinchenwerfen ordentlich verärgert, wird das Motorrad geparkt und wir bestaunen, wie sich aus einem tiefen Becken ein Wasserfall talwärts ergießt. Hier auf diesen Bergkämmen ist der Ursprung aller Wasserläufe, die sich über die Insel verteilen. Diese „Levadas“, die wir auch auf unseren Streifzügen durch Funchal finden, befördern seit Jahrhunderten erfolgreich das gespeicherte Regenwasser zu den Menschen der Insel. Ein effizientes System von gesteuerten Zuflüssen, das uns begeistert.

Wieder ist ein schöner Tag fertig. Wir sind es auch. Unsere Ansicht, dass man nach zwei Tagen Erkundungsfahrt per Motorrad erst einmal eine Ruhepause braucht, hat sich erneut bestätigt.

 

Mit Kopf-und Gliederschmerzen, aber auch so vielen schönen Eindrücken von Madeira übergeben wir Brixton am folgenden Morgen ihrem Verleiher.

Heute sollte eigentlich unser Ruhetag werden! Leider kniet Holger aber schon bald wieder vor einer unserer Bordtoiletten, die nicht mehr funktionieren will. Ich widme mich derweil meinem Lesestoff, als plötzlich der Skipper zu mir aufs Achterdeck gerannt kommt: „Carmen, wir haben einen Salzwassereinbruch! Aplysia muss SOFORT! raus aus dem Wasser! Ein Seeventil ist beim Zuschrauben gebrochen!“ Ich denke noch: „Schei…!“ und stehe im selben Moment auch schon an Land neben dem Marinero. Es ist Sonnabend und andere Verantwortliche sind nicht vor Ort. Glücklicherweise weiß der nach einer kurzen Vorortbesichtigung des Problems sofort, wen er anrufen muss. Im Hafen von Funchal werden normalerweise keine Schiffe aus der Marina gekrant. Wir werden zur teuren Ausnahme. Aber egal, wir müssen raus! Eine halbe Stunde später hängt Aplysia tropfend im Bootskran und kann erst einmal nicht mehr im Hafenbecken sinken. Es ist Samstagnachmittag und die meisten Läden mit eventuell passenden Ersatzteilen haben auch hier geschlossen. Ein entsprechender Anlauf erweist sich als sinnlos. Also improvisieren wir. Der kleine Marinashop mit der freundlichen kleinen Besitzerin erweist sich dabei als Rettung in der Not, denn er verfügt über eine passende Schraube mit Muttern und Gummidichtungen. Geld will die nette ältere Dame dafür nicht. Das dreistündige Im- Kran-Hängen ist wiederum alles andere als kostengünstig. Allerdings kommt uns der Verantwortliche mächtig entgegen und berechnet nur zwei Stunden. Sehr freundlich!

Um 18.00 Uhr ist der Spuk vorüber. Aplysia liegt wieder an ihrem Stegplatz und Holger und ich schauen uns bedeppert an: „Haben wir das gerade wirklich erlebt?“ Bei über 30 Grad und kräftigem Sonnenschein haben wir uns heute neben einem gewaltigen Schrecken auch noch einen ordentlichen Sonnenbrand geholt. Die Außendusche und das eiskalte Bier sind mehr als verdient.

Die vergangenen vier Tage haben wir relativ ruhig angehen lassen. Ein bisschen putzen, einkaufen, ein paar einfachere Arbeiten an Aplysia.

Gemeinsame Abendläufe mit täglich zunehmendem Anstrengungsgrad. Gestern dann unser diesbezüglicher Höhepunkt: Eine Ausdauerstrecke von 3,5 Stunden in den kleinen Ort „Monte“ oberhalb von Funchal, quasi von 0 m auf 550 m ü. NN. Dabei entdecken wir auch Funchals berühmte Korbschlittenabfahrtsstrecke. Die durch den Kufenabrieb glänzende Straße wirkt wie vereist. Wenn ich bedenke, dass die Schlitten weder Lenkung noch Bremsen besitzen, der Steuermann also andere Taktiken anwenden muss, um die Geschwindigkeit zu drosseln, dann wird mir bei der Steilheit der Strecke doch etwas mulmig. Andererseits gibt es dieses Urlaubervergnügen schon sehr lange und die Schlittenfahrer sind sicher über Generationen hinweg erprobt. Früher wurden die Korbschlitten noch auf dem Rücken wieder nach oben getragen und die Abfahrt war 4km lang. Da gab es unter den Schlittensteuermännern bestimmt keinen mit Übergewicht! Heute gibt es für den Transport Autos und die rasante Talfahrt ist nach 2km bereits vorüber.

Ganz oben angekommen, stehen wir vor einer hübschen Wallfahrtskirche, die jedoch für diesen Tag ihre Türen bereits geschlossen hat. In der Kirche befindet sich der Sarg des letzten Kaisers von Österreich, Karl I.. Nach dem Ersten Weltkrieg hat man ihn mit seiner Familie nach Madeira in die Verbannung geschickt. Es gibt bestimmt schlimmere Orte als diese wunderschöne Blumeninsel, an denen man es gezwungenermaßen aushalten muss.


Wir halten es hier auf jeden Fall sehr gerne und ganz freiwillig noch etwas länger aus.